Akzeptanz
Die romanische Einheitssprache ist bei der
Bevölkerung umstritten. Der Kanton und der Bund sind in den letzten Jahren dazu übergegangen, ihre
Drucksachen in Rumantsch Grischun zu verfassen. In den gedruckten und elektronischen Medien
herrschen zwar noch die regionalen Idiome vor, doch gelangt Rumantsch Grischun gerade in
überregionalem Zusammenhang auch hier mehr und mehr zur Anwendung. So sind beispielsweise die
Homepages der Lia Rumantscha und des Dicziunari Rumantsch Grischun sowie das Lexicon Istoric Retic,
die rätoromanische Ausgabe des Historischen Lexikons der Schweiz, in der Einheitssprache verfasst,
da sie sich an alle Rätoromanen richten. Die Literatur wird dagegen bislang noch fast
ausschliesslich in den regionalen Idiomen geschrieben, und auch die Kirche hält an diesen
fest.
Auch in den Bündner Gymnasien wird heute Rumantsch Grischun gelehrt, während die
Einführung der Einheitssprache in den kommunal geführten Volksschulen in den Nullerjahren von den
kantonalen Behörden forciert worden ist. Indes liegt die Kompetenz zur Festsetzung der
Unterrichtssprache an den Primarschulen allein bei den Gemeinden, von denen sich bis zum Schuljahr
2009/2010 insgesamt 40 (etwa die Hälfte) für das Rumantsch Grischun entschieden hatten. Es handelte
sich dabei zumeist um Dialektgebiete, die entweder dem Rumantsch Grischun sprachlich sehr nahestehen
(Mittelbünden) oder aber in denen schon zuvor der Abstand zur Regionalschriftsprache relativ gross
war (Val Müstair) oder die stark vom Deutschen bedrängt werden (unteres Oberland, Rheintal westlich
von Chur).
2011 haben sich allerdings 14 dieser Gemeinden dazu entschlossen, wieder in ihrer
regionalen Schriftsprache zu unterrichten (Stand: März 2012). Im Dezember 2011 entschied der Grosse
Rat des Kantons Graubünden, dass Lehrmittel für rätoromanische Primarschulen wieder in den fünf
romanischen Idiomen gedruckt werden können. Der Beschluss aus dem Jahr 2003, Lehrmittel für die
rätoromanischen Schulen ab 2005 nur noch in Rumantsch Grischun herauszugeben, war in den Regionen
auf teils erbitterten Widerstand gestossen. Regierungsrat Martin Jäger gab zu, das Konzept,
Rumantsch Grischun freiwillig in den Schulen einzuführen, sei gescheitert.